Montag, 4. April 2011
Bitter-süßer Abschied zur Halbzeit
Der 2. April, welcher am Samstag gewesen ist, war der rechnerische Mittelpunkt unserer Reise. Das bedeutet, dass wir Bergfest feiern konnten sowie dass wir uns zeitlich auf der Rückreise befinden. Unglaublich, dass so viel schon vorbei ist. Aber wir haben ja noch einiges vor uns. Unsere Zeit in Neuseeland ist allerdings abgelaufen. Anja und ich hatten unvergessliche Wochen in diesem schönen Land. Wir werden sicher noch lange an die atemberaubenden Landschaften denken, durch die wir gewandert sind und an die lieben Menschen, die wir hier getroffen haben. Dank Paul konnten wir viele wunderschöne Orte erleben, haben uns aber noch einiges für einen nächsten Besuch offen gelassen. Obwohl wir gut unterwegs waren, konnten wir nicht alles, wie z.B. die Ostküste und den Norden der Nordinsel sowie den Osten der Südinsel mitnehmen. Es gibt noch viel zu sehen und wir freuen uns schon auf eine Wiederkehr.

Nachdem wir sowohl den neuen TÜV erhalten sowie die Registrierung für Paul verlängert hatten, boten wir ihn zum Verkauf im Internet an. Die Webseite TradMe ist vergleichbar mit ebay bei uns, wo gebrauchte Gegenstände von privaten Händlern über das Internet verkauft werden. Wir hatten die schönsten Bilder, die wir von und mit Paulo geschossen hatten ausgesucht. Auch sind wir mit dem Preis runter gegangen, da wir auf dem Automarkt gemerkt hatten, das Interessenten nicht mehr viel für Campervans zahlen wollten. Allerdings versprachen wir uns nicht sehr viel von dieser Möglichkeit. Daher entschieden wir uns, noch einmal unsere Sachen zu packen und unsere Vorräte aufzufüllen, um in Richtung Norden aufzubrechen, da wir unsere Zeit nicht in Auckland absitzen wollten.

Da es schon spät war, fuhren wir nur 1,5 Stunden bis zum Rodney Kap, welcher ein beliebter Ort zum Schnorcheln ist. Wir checkten in einen Campingplatz ein und parkten Paul mit einer herrlichen Aussicht zum Meer. Als wir gerade beim Abendessen waren, klingelte das Telefon und wir hatten den ersten Interessenten. Total aber freudig überrascht, verabredeten wir uns mit Ryan, einem Amerikaner auf Entdeckungstour, für den nächsten Tag in Auckland, um Paulo vorzuführen. Wir waren unglaublich froh, dass unser Wagen doch einen gewissen Reiz hatte. Dies bedeutet allerdings, dass wir unseren Trip sofort wieder abbrechen mussten und was viel schlimmer war, wir unsere wahrscheinlich letzte Nacht in Paul vor uns hatten. Ein mulmiges Gefühl kam über uns, da wir uns wahrscheinlich doch so schnell von Paulo trennen müssten. Jedoch waren Anja und ich froh, dass wir überhaupt die Möglichkeit erhalten hatten, noch einmal im Herzen unseres geliebten Wagens Karten zu spielen und zu schlafen. Wir genossen die Nacht sehr und schliefen behütet und beschützt schnell ein.

Am Mittwoch genossen wir unser Frühstück und hatten mittlerweile weitere Anrufe. Ed aus Nelson war sehr interessiert und bot uns eine Anzahlung an. Danach meldete sich allerdings Jeremy aus Christchurch und bekundete sein Interesse. Er erzählte, dass das Erdbeben sie hart getroffen hatte und dass die Familie nach Auckland umsiedeln wollte und einen Ort zum Schlafen brauchte. Seine Geschichte weckte unseren Helferinstinkt, allerdings wollten wir Ryan nicht vor den Kopf stoßen, da er der Erste war. Also fuhren wir zurück nach Auckland und räumten Paulo wieder aus. Das Telefon klingelte noch einmal und es war wieder Jeremy, der uns zusätzliches Geld bot, wenn wir das Auto an sie verkaufen würden. Er berichtete weiter, dass er beim Erdbeben im letzten Monat all sein Hab und Gut inklusive Haus, Auto und Geschäft verloren hatte. Als ich Anja davon erzählte, wussten wir ohne groß darüber zu reden, was wir zu tun hatten. Ich rief Ryan an und erklärte ihm die Situation. Er war verständlicher Weise nicht froh darüber, musste es aber akzeptieren. Wir hatten uns für Jeremy entschieden und wollten ihnen helfen. Dieser war natürlich über glücklich, als er von unserer Entscheidung erfuhr. Da die Familie so viel durchgemacht hatte, verzichteten Anja und ich auch auf das Extrageld, da wir uns sicher waren, dass sie jeden extra Cent gut gebrauchen könnten und akzeptierten nur die Summe, die wir ins Internet gestellt hatten.

Da wir nun einen Käufer hatten, mussten wir uns über die Geld- und Fahrzeugübergabe einig werden. Wir entschieden uns für eine Postanweisung und ein paar Minuten später hatten Anja und ich die Summe in der Hand und waren froh, dass wir einen Käufer gefunden hatten. Jeremy entschied sich, am Montag nach Auckland zu fliegen, um verschiedene Leute zu treffen und natürlich seinen neuen alten Delica abzuholen. Das tolle an dieser Vereinbarung war, dass wir Paulo so noch weitere Tage inklusive dem Wochenende nutzen konnten. Es war eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Erleichtert, dass wir Paulo verkauft hatten, gingen wir dann auch die letzten Tage an. Wir hatten keine Lust, noch einmal alles zu packen und in den Norden aufzubrechen. Des Weiteren wollten wir Paulo auch keine weiteren Kilometer aufzwingen. Wir verbrachten die Tage in Auckland und trieben ein bisschen Sport. Glücklicher Weise hatte sich auch das Wetter extrem gebessert und wir konnten bei 20 Grad und Sonnenschein in den Park gehen. Uns wurde vom Joggen ein bisschen langweilig und Anja hatte die glorreiche Idee, Fußball spielen zu gehen. Da hatte sie in mir natürlich neue Lebensgeister geweckt und so habe ich in den letzten Tagen einen Crashkurs in Fußballtechniken gegeben. Meine Schülering lernte sehr schnell. Zusammen hatten wir viel Spass und genossen die Freiheiten auf den Spielfeldern, die nur 5 Minuten von Dans Haus entfernt sind.

Des Weiteren nutzten wir die letzten Tage, um ein paar Bekannte zu besuchen. Am Mittwoch Abend waren wir auf einem Konzert eines Fussballkumpels. Obwohl die Musik harter Heavy Metal und ein bisschen anstrengend war, freute ich mich, Adam und Band zu sehen. Am Freitag waren wir noch einmal kurz in der Stadt und trafen uns mit meinem Kollegen Walt Marsters. Ich habe für ihn die Abrechnung seiner Projekte gemacht, als ich damals in Neuseeland war. Es war grandios, ihn wieder zu sehen, da er mich damals auch zum Rugby eingeladen hatte. Er bot uns an, bei seiner Schwester auf Rarotonga, einer Insel im Südpazifik, zu übernachten, wohin wir nach Australien reisen werden. Wiesi weiß davon ein Liedchen zu singen. Samstag hatten wir Dans Freundeskreis zu einem Grillabend im Haus. Diese Jungs kennen wir von einigen Trinkspielabenden und es war super, dass wir noch einmal die Chance hatten, sie zu sehen und uns verabschieden zu können. Gestern am Sonntag waren wir bei meinem ehemaligen Fussballtrainer, der uns zum Abendessen eingeladen hatte. Es war eine fröhliche Runde, in die Anja aufs Herzlichste aufgenommen wurde.

Heute war der große Tag der Autoübergabe gekommen und ich holte Jeremy vom Flughafen ab. Als er Paulo sah, wer er total begeistert. Wir können nur hoffen, dass diese Begeisterung genauso lange anhält wie bei uns. Auf der Rückfahrt unterhielten wir uns und ich erfuhr mehr über seine tragische Situation. Als die Erde bebte, parkte er gerade sein Auto am Straßenrand. Da die Erschütterungen sehr heftig waren, verkroch er sich im Sitz seines Wagens. In diesem Moment fiel das Haus neben ihm zusammen und auf das Dach seines Autos. Er hatte Glück, dass er sich in seinen Sitz verkrümelt hatte und konnte unverletzt aus dem Auto klettern. Seiner Freundin und der 8-Monate alten Tochter ist glücklicher Weise auch nichts passiert. Allerdings ist das Gebiet, in dem seine Kunstgalerie und Musikräume sind, sehr stark zerstört. Gestern war er unter Aufsicht zum ersten Mal in seinem Büro. Die Nachbargebäude sind eingestürzt bzw. müssen demoliert werden. Die Gegend soll einer Geisterstadt geglichen haben, da niemand offiziell in diesen Straßen erlaubt ist. All das hörte sich wie eine Schaudergeschichte an und mir lief es manchmal eiskalt über den Rücken. Nichtsdestotrotz war der Moment gekommen, dass wir den Schlüssel und damit auch Paulo übergeben mussten. Auf der einen Seite waren wir traurig, ihn jetzt nicht mehr zu haben, allerdings auch über die Befreiung der Last froh. Nun konnten wir unbeschwert die Vorbereitungen für unseren Abflug starten.

Heute Abend waren wir mit Dan und seiner Freunden Jennifer noch einmal Essen. Wir bedankten uns bei Ihnen, dass sie uns Unterschlupf gewährt und so lange ausgehalten haben. Es ist einfach toll, solche Freunde zu haben und wir genossen unseren letzten Abend zusammen. Davon sind wir jetzt auch gerade zurück gekehrt.

Morgen geht unser Flieger nach Australien und wir werden schon sehnsüchtig in Melbourne erwartet und freuen uns riesig auf Isa, Ryan, Susi, Henni, Sally und Cormac. Sal holt uns vom Flughafen ab. Wir wissen, dass wir total verwöhnt werden, schätzen diese Gesten aber auch sehr.

Beim nächsten Mal melden wir uns dann aus einem neuen Land, auf das wir uns schon wahnsinnig freuen.

Beste Grüße

Anja und Pat


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