Sonntag, 6. März 2011
Du verwunschener Milfordsound Track
Hallo Ihr Lieben,

wir sind zurück in der Zivilisation mit dicken Waden und unvergesslichen Eindrücke des neuseeländischen Fjordlandes. Bevor wir jedoch zu unserer 4-tägigen Wanderung aufgebrochen sind, verlebten wir noch zwei ruhige Tage in Queenstown. Dieser Ort, im Südwesten der Südinsel, ist bekannt für seine Wasser- und Freizeitaktivitäten, wie Bungeejumping, Speedbootfahren oder Fallschirmspringen, die leider alle nicht in unser Budget passten. Queenstown ist der Hauptdrehort der "Herr der Ringe" Reihe. Wir entschieden uns, einige dieser Plätze abzufahren und sahen den Ort, an dem Isengard stand und seine Armee losschickte, an dem Boromir starb und Pippin und Merry von den Orchs entführt wurden. Wir besuchten den Anduin Fluss, den Ort, an dem Sam die Oliphanten erspähte und sahen die Fläche, die für einige Szenen in Mittelerde genutzt wurde. Als wir diese ganzen Szenen abfuhren, fühlten wir uns manchmal, als ob wir in jedem Moment auf eine Herde Orks oder Gruppe Hobbits treffen würden, was wir als recht lustig empfanden.

In Queenstown erledigten wir auch die letzten Vorbereitungen für unsere Wanderung. Wir kauften uns ein paar wärmere Schlafsäcke, da sich die Temperaturen in den Bergen in Richtung 0 Grad in der Nacht entwickelten. Des Weiteren besorgten wir uns neue Regenjacken, da im Fjordland immer mit Regen zu rechnen ist. Während der Wanderung wird in den Hütten keine Verpflegung angeboten. Daher deckten wir uns noch mit Fertiggerichten, Wasserflaschen, Müsliriegeln, Keksen und Äpfeln ein, damit wir ausreichend Nahrung für die nächsten Tage hatten. Wir fühlten uns bestens vorbereitet und machten uns auf den Weg zu unserer Wanderung nach Te Anau ins Fjordland.

Der Milford Sound Track ist angeblich einer der schönsten Wanderungen der Welt. Er ist auf 40 Leute limitiert und zeitig ausgebucht. Daher hatten Anja und ich auch bereits im Juli 2010 unsere Tickets für den Track gebucht. Umso mehr freuten wir uns, dass wir ihn jetzt laufen konnten. Man wird mit einem Boot über den See Te Anau geschippert und wandert dann von der Zivilisation ausgeschlossen durch Bergschluchten, um am anderen Ende über den wunderschönen Milford Sound Fjord transportiert zu werden. Es gibt weder Strassen noch Strom und man läuft durch den Regenwald des Fjordlandes.

In Te Anau holten wir unsere Tickets für die Boottransfers, Hütten und dem Rücktransport ab. Zusätzlich erhielten wir die letzten Informationen über die Wanderung. Die Strecke ist 53,5 km lang und auf 4 Tage mit 3 Übernachtungen verteilt. Das Höhenprofil versprach mit nur einem größeren Anstieg keine große Komplexität. Der Pass, den wir am 3. Tag zu überqueren hatten, lag auf 1154 m Höhe. Das sind ein paar Zentimeter mehr als das, was gewissen Brockenhexchen aus Zerbst einmal im Monat im Harz meistern. Das herausfordernde am Milford Track ist allerdings immer das Wetter, das kaum vorhersagbar ist. Ständig ist mit heftigen Niederschlägen zu rechnen, welche Überschwemmungen oder Erdrutsche verursachen. Des Weiteren kann es auf dem Pass jederzeit zu Hagel- oder Schneeschauern kommen.
Die Vorhersage für unsere Tage holte uns auch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Das Wetteramt hatte eine Sturmwarnung mit heftigen Niederschlägen und starken Winden herausgegeben. Uns wurde ein bisschen mulmig und auch das Touristenbüro konnte nicht bestätigen, ob die Wanderung stattfinden würde. Eine Absage wäre natürlich super ärgerlich gewesen, aber wir wollten erstmal abwarten. Wir hatten extra im Sommer gebucht, um schlechtem Wetter aus dem Weg zu gehen. Allerdings regnet es immer mindestens 200 Tage im Jahr, so dass die Chancen eher gering sind, keinen Regentag zu haben.

Wir suchten uns mit Paul einen schönen Platz am See Te Anau und hatten einen wunderbaren Sonnenuntergang. Dies war allerdings nur die Ruhe vor dem Sturm, denn um 0 Uhr war die Nacht vorbei und ein starker Wind setzte ein. Unser armer Paulo wurde in dieser Nacht erst stark gefönt, dann gewaschen, um dann noch mal gefönt zu werden. Er wurde hin und her geschaukelt, was auf der einen Seite an den starken Winden lag, auf der anderen allerdings an den Wurzeln der umstehenden Bäume, die das lockere Erdreich hoch und runterdrückten. Paulo beschützte uns tapfer und wir lagen warm in seiner Mitte. Allerdings bekam er als dank auch noch einen Ast auf den Kopf. Anja und ich konnten nicht schlafen und hofften nur, dass wir die Nacht heil überstehen würden. An unsere Wanderung dachten wir in diesem Moment nicht wirklich.

Nachdem der Sturm am Morgen nachgelassen hatte und wir noch ein wenig schlafen konnten, weckte uns unser Alarm viel zu früh. Es regnete in Strömen. In der Information erhielten wir die Auskunft, dass wir erstmal zum Boot fahren sollten, es aber immer noch nicht feststand, ob die Wanderung stattfinden würde. Mit einem etwas dünnen Nervenkostüm bereiteten wir unsere Schlaf- und Rucksäcke auf den schlimmsten Regen vor. Wir wickelten sie in Müllsäcke ein, da wir unseren angeblich wasserfesten Überziehern nicht vertrauten. Bestückt mit unseren Müllrucksäcken bestiegen wir die Fähre und setzten über. Jeder an Bord hoffte auf eine Wetterbesserung, doch diese kam nicht.

Am ersten Tag (Mittwoch) hatten wir nur eine Strecke von 5 km zu absolvieren. Wir liefen durch den Regen und tauchten in die Natur ein. Diese wilde Schönheit versprach einiges und war das, was man im Leben braucht. Das "Wilde" um neue interessante Dinge zu sehen. "Schönheit" ist immer gut für das Wohlbefinden und Gemüt. Die Kombination lässt die Herzen höher schlagen und die Seele tanzen. Auf der Strecke begrüßten uns die ersten Anwohner, welche kleine Robins, süße Singvögel, waren. Wir überquerten die ersten Flussläufe und balancierten uns über lange Hängebrücken. Majestätisch beobachteten die Bergspitzen aus dem Nebel, wie wir jeden Kilometer vorwärts kamen. Irgendwann hörten wir auf, die Wasserfälle zu zählen, da sich zu viele von ihnen die Wände herunterstürzten. Wilde Moose bewucherten die Bäume, die teilweise mit riesigen Stämmen in das grüne Dach des Regenwaldes ragten.
Bald erreichten wir die erste Hütte und konnten aus unseren durchnässten Schuhen und Klamotten raus. In der Hütte gab es Gas, so dass wir uns eine schöne warme Suppe und einen Tee kochen konnten. Auch wurde ein Feuer im Ofen angemacht und langsam kehrte die Wärme wieder. Wir machten uns mit den Mitreisenden bekannt, die für die nächsten Tage unsere Mitstreiter waren. Sie kamen aus Holland, Tschechien, Kanada, USA, Israel und Australien. Natürlich wurden wir nicht mit allen schnell warm, was sich allerdings über die nächsten Tage ändern sollte.

Unsere Ranger, Peter, hatte uns informiert, dass die Sturmwarnung immer noch bestand und wir mit Überschwemmungen zu rechnen hatten. Wir hatten am nächsten Morgen zeitig aufzustehen, so dass Anja und ich zeitig in den Schlafraum gingen und uns in unsere Schlafsäcke im Doppelstockbett kuschelten. Es war gut, dass wir uns neue Schlafsäcke gekauft hatten, denn die Temperatur sank auf 5 Grad. Ausserdem wurde das Fenster offen Gelassen, um dem sogenannten "Sockengas" entgegen zu wirken.
Am nächsten Morgen (Donnerstag) machte uns Peter bereits um 7 Uhr wach und gegen 7:45 Uhr waren wir auf der Strecke. Der Regen hatte nicht aufgehört, so dass wir die anstehenden 16,5 km wieder voll eingepackt angingen. Leider konnten wir wieder nur bedingt die Umgebung genießen, doch hatte sie im Regen und mit tiefhängenden Wolken ihren eigenen Scharm. Allerdings war der Regen nicht so stark wie erwartet, so dass die vorhergesagten Überschwemmungen ausblieben. Da wir so zeitig gestartet waren, erreichten wir die zweite Hütte sehr früh. Dort gab es allerdings ein Waschbecken und wir konnten uns mit sehr kaltem Wasser ein wenig Waschen. Die Rangerin, Keri, hatte immer noch keine guten Wetternachrichten für uns. Es war nicht klar, ob die Wanderung weiter gingen würde, da mit äusserst starken Winden besonders auf dem Pass zu rechnen war.

Tag Drei (Freitag) begann wieder gegen 7 Uhr, doch ließen wir uns nicht durch die Hektik anderer Wanderer anstecken und starteten erst kurz vor 9 Uhr. Vor uns lag der Anstieg auf 1154 m, was ungefähr 500 Höhenmeter für die ersten 2 Stunden bedeutete. Allerding war der Wind nicht so stark und es zeigten sich ein paar blaue Himmelsfetzen am grauen Wolkenhimmel, was uns froh stimmte. Der Anstieg war schwer, was hauptsächlich an unserem Gepäck lag, aber machbar. Nach zwei Stunden erreichten wir dann auch die Spitze und die Gedenkstätte, die an den ersten Entdecker erinnert. Der Wind war nicht sehr stark. Wir gingen an eine Felskante, die "12-Sekunde-Fall" heisst. Allerdings hatte uns Keri gewarnt, dass wir nicht zu nah an die Kante gehen sollten, da wir nicht herausfinden sollten, warum sie "12-Sekunden-Fall" genannt wurde. Die Wolken waren grau und dicht und boten uns keinen Ausblick. In diesem Moment jedoch öffneten sie sich plötzlich und erlaubten uns eine fantastische Aussicht. Anja und ich wussten sofort, dass es dieser Moment war, für den wir die Wanderung gemacht hatten. Wir waren unseren Schutzengeln dankbar, dass sie uns diesen Moment gegönnt hatten.

Nach einer kurzen Pause in der Passhütte, begann für uns der Abstieg, der über Wasserfälle und an Felskanten vorbeiführte. Der Wind hatte weiter nachgelassen und bald erreichten wir wieder die Baumgrenze und tauchten in den Regenwald ein. Diese eigentümliche Wildnis erinnerte uns daran, an welch besonderen Ort wir uns befanden. Es kam noch besser für uns, denn die Wolkendecke riss jetzt komplett auf und die Sonne schickte uns ihre Wärme ins wilde Dickicht. Die Wekas, nichtfliegende und hühnerähnliche Vögel, nutzten den Sonnenschein, um sich im Gras zu trocknen und zu wärmen. An diesem Tag hatten wir nur eine Strecke von 14 km zu absolvieren, allerdings bot sie einen Abstecher zu den höchsten Wasserfällen Neuseelands. Diese wollten wir natürlich nicht verpassen und machten den 1,5 Stunden Schlenker zum 580 m hohen Sutherland Wasserfall. Seine Wassermassen rauschten die Felsen herunter und dröhnten wie eine Düsenmaschine über unseren Köpfen. Bald erreichten wir dann die letzte Hütte unserer Wanderung und tauschten unsere Erlebnisse mit unseren Mitreisenden aus. Unterdessen hatte es wieder angefangen wie wild zu regnen. Der Ranger, Ian, versprach keine Wetterbesserung, doch hob er hervor, dass die Wettervorhersage der letzten Tage nie richtig eingetroffen war. Sehr beruhigt gingen wir ins Bett und schauten unserem letzten Tag entgegen.

Obwohl es die komplette Nacht durchgeregnet hatte, war der letzte Tag (Sonnabend) der erwartete Höhepunkt. Die Sonne schien und die Berge der Umgebung präsentierten ihr bestes Panorama. Die Strecke war mit 18 km die Längste, jedoch waren keine Höhenmeter mehr zu erklimmen. Wir genossen die Wanderung und liefen entspannt den Weg entlang. Nach 6 Stunden hatten wir das Ende der 53,5 km am Sandfly Point erreicht und noch einmal wunderschöne Ausblicke eingesammelt.

Das Beste sollte allerdings noch kommen. Das Transferboot brachte uns über den Milford Sound Fjord und wir konnten die atemraubende Landschaft zum Abschluss genießen. Der Track verlief für uns wie ein Film. Wir starteten mit Regen und den schlimmsten Befürchtungen und beendeten die Wanderung bei herrlichstem Wetter. Nach all den Strapazen haben wir die kleinen Dinge, wie trockene Füße, eine heiße Tasse Tee oder ein warmer Ofen, schätzen gelernt. Allerdings waren wir uns auch der großen Dinge bewusst, wie zum Beispiel der Möglichkeit, diese Wanderung überhaupt zu machen, sich mit Leuten aus der ganzen Welt auszutauschen und dieses Erlebniss mit einem PartnerIn zu teilen.

Heute verleben wir einen faulen Sonntag und erholen uns von den letzten Tagen. Wir sind in einen Camperpark gefahren, was 4 heiße Duschen hintereinander für uns bedeutet. In diesen Tagen ist das der absolute Luxus! Morgen fahren wir dann weiter und werden die Südspitze der Südinsel erkunden. Davon berichten wir dann beim nächsten Mal.

Beste Grüße

Anja und Patrice

PS: Das Erdbeben haben wir natürlich nicht vergessen. Leider ist die Zahl der Toten auf 148 gestiegen und es werden immer noch Personen vermisst. Teilweise sind die zerstörten Vororte wieder für den Verkehr freigegeben und Anwohner holen die wichtigsten Sachen aus ihren Häusern bzw. sind mit den Aufräumarbeiten beschäftigt.


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