Samstag, 26. Februar 2011
Der Osten bebt
Hallo,

Diese Woche steht im Schatten des schweren Erdbebens in Christchurch an der Ostküste der Südinsel, dass am Dienstag gegen Mittag stattgefunden hat. Das ganze Land ist geschockt, da es solche Tragödien nicht gewöhnt ist. Über 300 Leute werden noch vermisst und bisher wurden 98 Leichen gefunden. Wir verfolgen die Fortschritte jeden Tag und sind genauso traurig, wie alle anderen. Dieses Erdbeben hatte eine Stärke von 6,3 und obwohl es letzten September ein stärkeres von 7.1 gab, war es dieses Mal viel gravierender. Das Epizentrum lag in einem Vorort unweit der Stadtmitte und nur 5 km unter der Erde, während das andere 40 km entfernt und 10 km unter der Erde passierte. Dadurch wurden viel Gebäude in der Innenstadt in Mitleidenschaft gezogen. Das Wahrzeichen der Stadt, die Kathedrale, oder besser gesagt deren Turm und Teile des Daches sind eingestürzt, auf der sich um die 20 Touristen befanden. Viel schlimmer hat es allerdings einige Geschäftshäuser getroffen. Das Gebäude des Fernsehenkanals in Christchurch hat schätzungsweise bis zu 120 Leute unter sich begraben. Mit diesen Toten muss man noch rechnen. Unter anderem war dort eine Sprachschule für ausländische Studenten angesiedelt. Eine japanische Gruppe hatte gerade erst am Montag mit einem neuen Kurs begonnen.

Alle hier in Neuseeland sprechen seit Dienstag nur noch über ein Thema. Die Kiwis sind total geschockt und einige Touristen erzählen uns, dass sie teilweise ein paar Tage vorher selbst auf dem Kathedralenturm gestanden haben oder nur zwei Stunden vorher die Stadt verlassen hatten. Anja und ich haben vom Erdbeben erst am Nachmittag erfahren. Zum Zeitpunkt des Erdstoßes saßen wir im Auto und haben beim Kaffeetrinken in einem kleinen Ort die schrecklichen Bilder im TV gesehen. Wir waren geschockt und haben gespürt, wie es jedem an die Nieren ging. Glücklicherweise hatten wir uns entschieden, die Westküste entlang zu fahren.

Bevor wir jedoch auf die Südinsel übergsetzt sind, hatten wir noch einen entspannten Tag in Wellington. Am Samstag besuchten wir wie gesagt das Te Papa Nationalmuseum, in dem wir uns eine Fotoausstellung eines berühmten neuseeländischen Fotografen, die Anfänge der Besiedlung Neuseelands und die Exponate der hiesigen Tierwelt angeschaut hatten. Sonntags machten wir eine kleine Stadttour, liefen am Regierungsviertel vorbei und machten einen kleinen Ausflug mit der historischen Seilbahn. Diese fährt zum botanischen Garten auf einen Hügel der Stadt, von dem wir einen herrlichen Ausblick über die Bucht hatten. Abends genehmigten wir uns ein paar Biere in der Innenstadt, bevor wir hinter dem Museum in unserem Paul schliefen. Das war wohl der urbanste Schlafplatz, den wir auf unserer Reise haben werden, da er mitten in der Innenstadt lag. Allerdings waren wir überrascht, dass wir dort Internet hatten und dieses dort frei angeboten wurde.

Am Montagmorgen ging unser Interislander, die Fähre auf die Südinsel relativ früh, und wir standen mit Paul beim Sonnenaufgang in der Schlange. Es war einiges los und wir beeindruckt, wie viele Fahrzeuge auf die Fähre passten. Da momentan die Hauptreisezeit ist, war es weniger überraschend, dass es so viele waren. Irgendwann legte die Fähre dann ab und wir verließen den Hafen Wellington. Die Südinsel begrüßte uns bei bestem Wetter mit ihren Marlborough Sounds. Diese Region zeichnet sich durch ihre weichen grünen Hügel mit vielen Inseln und Halbinseln sowie kleinen Stränden aus. Es ist ein Paradies für Bootsführer, von denen einige unterwegs waren.

Wir gingen in Picton von Bord, freuten uns über den tollen Sonnenschein, füllten unsere Vorräte auf und fuhren in die Sounds. Wir entschieden uns die Nacht auf einem entlegenen Campingplatz in einer einsamen Bucht zu verbringen. Nachdem wir allerdings über 2 Stunden kurvige Serpentinen die Küste entlang gefahren waren, entschieden wir uns für einen nicht so entlegenen Ort. Wir fühlten uns wie nach einer Karusselfahrt und brauchten eine Pause. Da wir so zeitig unseren Paul parkten, konnten wir noch unser neues Angelset, das allerdings nur aus einer Rolle, einem Stück Blei und einem Haken bestand, ausprobieren. Leider hatten wir keinen Köder parat und suchten den Strand nach etwas Braubaren ab. Wir fanden zwei Muscheln und sogar eine frische Auster und meinten, dass dies für den ersten Versuch ausreichen müsste. Das tat es allerdings nicht und mehr als ein paar lächerliche Muschelbadeaktionen kamen dabei nicht heraus. Gut, dass wir unsere Vorräte aufgefüllt hatten, so konnten wir unsere Steaks grillen.

In der Nacht zum Dienstag regnete es sehr stark und auch der Morgen versprach keine Besserung. Nach einem kurzen Frühstück ging unsere Reise zurück über die kurvige Küstenstrasse bis zum Highway ins Landesinnere. Dort fuhren wir durch die Weinregion Marlborough und bestaunten die vielen Felder. Wir wissen, dass der Wein dort erstklassig ist, verschoben aber eine etwaige Verkostung auf unsere Rücktour. Da wir einige Kilometer hinter uns bringen wollten, bestand der Tag hauptsächlich aus Fahren. Wie bereits geschrieben, tranken wir im kleinen Örtchen Murchison einen Kaffee und erfuhren dort vom schrecklichen Erdbeben. Danach waren wir ziemlich kaputt und suchten uns ein stilles Plätzchen in einem Waldstück und spielten zur Abwechslung noch einmal Federball. Die Qualität der Bälle ließ immer noch zu wünschen übrig, aber wir hatten unseren Spass.

Am Mittwoch ging es weiter an die Küste und wir hielten in Westport an, da wir wieder unsere Vorräte auffüllen mussten. Wir ließen eine unserer Gasflaschen für unglaubliche $4,50 füllen, was mindestens drei Wochen Kochen bedeutet, und freuten uns über den Preis. Die Zeitungen waren voll vom Erdbeben und wir mussten uns erstmal einen Überblick verschaffen. In einem Cafe nutzten wir das Internet, um auch ein Lebenszeichen von uns abzugeben. Das Wetter hatte sich verbessert, so dass wir uns einen schönen Schlafplatz an der Küste suchten. Wir liefen eine Runde und während wir unser Abendessen zubereiteten, kamen wir mit Greg und Dan ins Gespräch, die ihren Arbeitstag bei ein paar Bier und Würstchen im Sonnenuntergang am Strand ausklingen ließen. Natürlich hatten sie nur ein Thema, da vor allem Dan Geologie studiert und gerade aus Christchurch kam und das Beben unverletzt miterlebt hatte.

Am Donnerstag ging es weiter die Westküste hinunter und wir besuchten die Pancake Rocks. Das sind zusammengepresste Felsen, die wie mehrere Lagen von Eierkuchen aussehen. Es ist eine besonderes Highlight an der Küste, so dass wir nicht die Einzigen dort waren. Da die Westküste der Südinsel im Allgemeinen als besonderes Erlebnis beschrieben ist, wimmelte der Highway nur so von Campern, Mietautos und Busreisenden. Auch für uns ging es danach weiter, da wir bei Abend die Gletscher erreichen wollten, die ein weiterer Höhepunkt auf der Strecke sind. Am späten Nachmittag erreichten wir dann auch den Franz-Josef-Gletscher und machten eine Wanderung zu dessem Ende. Er war imposant, jedoch wurde gezeigt, dass er sich sehr stark in den letzten Jahren zurück entwickelt hat. Dies erinnerte uns an die Vergänglichkeit unseres Planeten und machte uns ein wenig nachdenklich.

Da es Richtung Abend ging, suchten wir uns einen weiteren Schlafplatz und wurden an einer Brücke fündig. Dies machte auch uns nachdenklich, da wir zum ersten Mal unter einer Brücke schliefen und total kaputt waren. Die letzten Tage forderten irgendwie ihren Tribut. Wir waren müde, hetzten von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit und fraßen Kilometer mit unserem Paul. Entspannt Reisen hatten wir uns anders vorgestellt. Daher entschieden wir uns, nicht mehr bis 18 Uhr zu fahren, was unser eigentlicher Plan war, sondern in den nächsten Tagen schon gegen 15 Uhr nach einem Schlafplatz zu suchen und Paul früher abzustellen. Wir erhofften uns ein bisschen mehr Gelassenheit dadurch, etwas bessere Laune, da diese schon gelitten hatte und uns die Möglichkeit, etwas mehr von den Orten zu sehen, als nur kurz zu Abend was zu Essen und dann in unserem Wagen zu verschwinden.

Mit frischen Lebensgeistern ging es dann gestern weiter und wir besuchten den zweiten Gletscher namens Fox. Warum die Gletscher so heißen, müssen wir in einer ruhigen Minute auch erst noch einmal nachlesen. Jedenfalls ist auch dieser rückläufig, jedoch schlängelte er sich auch imposant mit türkisem Eis durch die Felsschlucht. Weiter ging es für uns Richtung Haast. Da in den ganzen letzten Tagen, dicke Wolke in den Bergen hingen, blieb uns das fantastische Panorama der neuseeländischen Alpen verborgen. Wir konnten diese nur manchmal erahnen, wenn ein Wolkenfetzen eine Felskannte freigab. In Haast machten wir dann ein Bild, auf dem sowohl Strand als auch Berge zu sehen sind. Das ist wohl das besondere an Neuseeland, dass diese unterschiedlichen Regionen, so nah beieinander liegen. Auch beeindruckt dadurch die ständig welchsende Vegetation, die nach mehreren Kilometern immer neue Eindrücke vermittelt.

In Haast bogen wir in die Bergwelt ab und blieben unserem neuen Motto treu, Paul schon früher abzustellen. Es war erst kurz nach 15 Uhr und wir hatten endlich viel Zeit für einen schönen Spaziergang in der Umgebung. Wir liefen entlang eines Flusslaufes und bewunderten das Alpenpanorama des Mt. Hooker in der Ferne. Die Sonne schien und wir fühlten uns an einen herrlichen Spätsommertag erinnert und genossen die Ruhe und Umgebung. Zum ersten Mal an der Westküste drängelten wir uns nicht mit anderen Touristenschwärmen zu einer Sehenswürdigkeit, sondern entdeckten dieses Flusstal für uns ganz allein. Dabei fanden wir einen hervorragenden Platz für Paul, parkten unseren Liebling um und brauchten nicht unter einer Brücke schlafen. Da meine Angelfähigkeiten unbrauchbar waren, hatten wir uns einen frischen Lachs auf einer Farm gekauft und grillten ihn am Abend inmitten einer fantastischen Bergkulisse, die vom Sonnenuntergang angestrahlt wurde. So hatten wir uns das vorgestellt. Anja bereitete den Fisch mit Knobi und Butter vor und servierte als Vorspeise ein paar Brote mit leckerer Guacamole. Allerdings waren die Briquettes in unserem Grill zu heiß, so dass der Lachs ein wenig verbrannte. Für unseren ersten gegrillten Fisch waren wir aber echt zufrieden und ließen uns den Prachtburschen schmecken. Beim nächsten Mal versuchen wir dann, einen selbstgefangenen Fisch zu zubereiten.

Heute fuhren wir dann weitaus enstpannter in die Berge zu den Seen Hawea und Wanaka. Nach einem schönen Frühstück am See Hawea, entschieden wir uns für eine Wanderung auf einen der Berge in der Umgebung. Von dort oben hatten wir einen wunderbaren 360° Ausblick auf den See Wanaka und die Bergwelt. Dazu gehört der Mount Aspiring, der mit seinen 3027 m der höchste der Region und auch deren Namensgeber ist. Im Ort musste ich mir erstmal den Schweiß vom Körper schwimmen, obwohl das Wasser fast zu frisch gewesen ist. Nach diesem entspannteren Tag und dem schönen Track sind wir heute noch nach Cardrona gefahren. Hier steht eines der ältesten Hotels Neuseelands, dass 1863 seine Türen geöffnet hat, zu Zeiten der Goldgräber erbaut wurde und uns heute mit seinem eigenen Ale verwöhnte.

Morgen geht es weiter nach Queenstown, dass nur weinige Kilometer entfernt ist. Nach den ungefähr 1000 km der letzten Woche, wirkt diese kleine Etappe wie ein Katzensprung. Dort bereiten wir uns auf unseren 4-Tages Track zum Milford Sound vor, welcher ein weiterer Höhepunkt unserer Reise sein wird. Davon berichten wir euch beim nächsten Mal.

Beste Grüße

Anja und Patrice


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