Mittwoch, 1. Dezember 2010
Liebe Vietnamesen,
vielen Dank für die erlebten Ereignisse und schönen Momente der letzten drei Tage. Wir sind sehr glücklich, dass wir ein bisschen Euer wahres Leben kennen gelernt haben und etwas hinter die Kulissen schauen durften. Besonders beeindruckt sind wir von Eurer Freundlichkeit, die uns überall entgegen strahlte und die Offenheit, überall willkommen zu sein. Wir haben uns überall sehr wohl und geborgen gefühlt und sind dafür sehr dankbar. Das nicht alles so laufen kann, wie wir uns das vorgestellt haben, ist ärgerlich, aber dazu später mehr.

Alles begann an der Grenze zwischen Kambodscha und Eurem schönen Land. Wir hatten uns ein Ticket von Sihanoukville nach Chau Doc organisiert. Da der Grenzübergang bei Ha Tien erst vor 1 oder 2 Jahren geöffnet wurde, mussten wir schmunzeln, als wir auf kambodschanischer Seite auf einem Feldweg anreisten. Auch der Posten selbst war der einfachste, den wir bis dato gesehen hatten. Auf kambodschanischer Seite gab es nur ein paar Holzbaracken bei den Schlagbäumen, während es auf vietnamesischer Seite etwas formaler ablief. Es dauerte eine Weile, bis die Kontrolle des Visums durchgeführt wurde, doch waren wir bald im Büro unseres Busunternehmens auf vietnamesischer Seite angekommen. Da wir die einzigen waren, die weiter nach Chau Doc wollten, wurden wir zu einem lokalen Bus gebracht und tuckelten inmitten unterschiedlichster Mitfahrer die 120 km von Dorf zu Dorf. Das dauerte natürlich etwas länger, als wir gedacht hatten. Für uns war es aber trotzdem eine interessante Erfahrung, da wir nicht in einem Touribus durch Euer schönes Land rasten.

In Chau Doc wollten natürlich mehrere Mopedfahrer unser Gepäck transportieren, doch mussten wir uns erstmal orientieren. Dabei kristallisierte sich Vang aus der Gruppe heraus, da er uns auch gleich ein Hotel empfahl. Wir hatten mal wieder keines im Voraus gebucht, was wir seit Bangkok auch noch nicht bereut haben. Allerdings sind wir diesen Situationen immer etwas misstrauisch gegenüber, was wahrscheinlich ganz normal ist. Jedenfalls akzeptierten wir Vangs Hotelvorschlag, da es sehr sauber und gemütlich war und unseren preislichen Erwartungen entsprach. Vang lud uns ein, am nächsten Tag die Umgebung zu erkunden, so dass wir nicht die normalen Touristentouren machen würden. Zwar war das seine Masche und es war auch etwas teurer, doch wollten wir die vietnamesische Kultur individueller erleben. Am nächsten Morgen stand er dann auch schon mit einem Fahrer auf einem zweiten Moped bereit und nahm uns auf eine wunderbare Fahrt durch die Reisfelder mit. Wir gingen zu den Erntehelfern auf die Felder, sahen die Reismaschinen und natürlich, wie das wichtige Gut am Strassenrand getrocknet und verladen wurde. Vang erzählte uns, dass sich die nicht-staatlichen Bauern momentan eine goldene Nase verdienen, da die Lebensmittelpreise durch das Bevölkerungswachstum weltweit steigen und besonders Südafrika und Indonesien den vietnamesischen Reis nachfragen. Ein Exportschlager seien daher auch vietnamesische Landwirtschaftsexperten, die in den anderen Ländern den Reisanbau vermitteln sollen. An einer Stelle machten wir eine Pause, kletterten über eine kleine Brücke aus Baumstämmen, genannt Monkeybridge (Affenbrücke) und gesellten uns zu den Erntehelfen, die gerade ihr Mittagessen zu sich nahmen. Natürlich ist uns aufgefallen, wie stolz die Familie und besonderes die Kids am Imbiss waren. Während dieser Fahrt trafen wir mehrere Eurer vietnamesischen Landsleute, die freudestrahlend in unsere Kameras schauten. Zum Abschluss fuhren wir dann auf den Sam Mountain, der durch seine Tempel und heiligen Höhlen ein Ort für viele Pilger ist. Es war ein wunderbarer Ausflug mit unvergesslichen Eindrücken von den Reisfeldern. Nach dem wir uns auf dem lokalen Markt gestärkt hatten, brachte uns Vang und sein Kollege dankenswerter Weise noch zum Bus nach Can Tho, der auch nur von Euch Vietnamesen genutzt wurde, aber als Express direkt und damit schneller fuhr.

Der Bus war ein neues Modell von Mercedes und zischte über die Strassen. Er war sehr komfortabel und wir fanden noch Platz in der letzten Reihe, obwohl er eigentlich schon voll besetzt war. Wir wussten, dass die Route von der Grenzstadt Chau Doc nach Can Tho die Hauptschmuggelroute ins Mekong Delta war. Daher waren wir nicht sehr überrascht, als wir bei einem der Busleute eine doppelte Kleidung entdeckten unter der eine Weste und zweite Hose aus Zigarettenschachteln versteckt waren. Ein wenig verdutzt staunten wir dann allerdings, als die Mutter, mit deren kleiner Tochter Anja die ganze Zeit spielte, ihrerseits ihre Kleidung lüftete und versteckte Zigaretten zum Vorschein brachte. So ist dies halt, dachten wir uns, und bekamen die Bestätigung, dass Ihr Vietnamesen euch schon zu helfen wisst.

Generell sahen wir einige Dinge, die uns stark an unsere eigene Vergangenheit erinnerte. Da Vietnam eine sozialistische Republik ist, sind uns Hammer und Sichel, Pioniere und Propaganda-Poster im Straßenbild gut bekannt. Im Gegensatz zur DDR haben jedoch viele internationale Firmen und Marken Einzug gehalten, auch wenn viele billige Kopien sind, und es fehlt an nichts. Die Läden sind voll und auf den Märkten herrscht ein reges Treiben. Des Weiteren ist uns positiv aufgefallen, dass es eine Müllabfuhr gibt, die sich in Kambodscha noch in einem gefühlten Versuchsstatus befindet. Internet ist, wie bisher fast überall, frei zugänglich, so dass eine gewisse Informationsfreiheit besteht. Allerdings habt ihr die Seiten von Facebook gesperrt, so dass wir unsere Freunde auf diesem Wege in der nächsten Zeit nicht erreichen können.

Da es in unserem Hotel auch Internet gab, nutzten wir die Chance, mal wieder mit unseren Lieben in der Heimat zu telefonieren. Dank Skype konnten wir sogar eine Videokonferenz mit Anjas Eltern abhalten. Es ist schon unglaublich, wie einfach es heute ist, mit seinen Leuten in Kontakt zu bleiben. Gestern hatte nämlich auch mein kleiner Bruder Paul in Uganda Geburtstag und wir konnten ihm telefonisch gratulieren. Das Schuljahr ist für ihn genauso wie für seine Brüder beendet und sie sind mittlerweile alle zu Hause. Die Mutter Jane hat somit wieder das Haus voll und kann sich um die Burschen kümmern. Ihnen geht es gut, obwohl alle gesundheitlich ein bisschen angeschlagen waren. Bei dem straffen Schulprogramm zeigen die Körper irgendwann Ermüdungserscheinungen. Es war nach langer Zeit schön, alle ihre Stimmen zu hören. Gerade in der Ferienzeit vermisse ich die Jungs sehr, besonders da ich sie im letzten Jahr um diese Zeit für 4 Wochen besucht hatte.

Angekommen in Can Tho blieb der Ansturm der Mopedfahrer aus, so dass wir uns ein Taxi zu einem Hotel nahmen. Mr. Sang empfang uns freundlich und las in unseren Augen ab, dass wir Lust auf eine private Fahrt im erweiterten Mekong-Delta hatten. Am nächsten Morgen ging es dafür bereits um 5:30 Uhr los. In der Hotellobby wartete bereits Cong, der uns sogleich zu seinem Boot brachte, so dass Anja und ich noch vor Sonnenaufgang mit einem kleinen Holzboot im Mekong Delta herumshipperten. Wir waren nicht die einzigen Touristen, die sich für eine private Fahrt entschieden hatten, und grüßten uns gegenseitig. Die ersten Stationen waren die schwimmenden Märkte von Can Tho. Da wir keine große Vorstellung hatten, schauten wir den Verhandlungen der Kaufleute auf den unterschiedlichen Schiffen zu. Viele Gemüse, wie Zwiebeln, Salate, Kartoffeln und Obst wechselten die Besitzer. Zusätzlich gab es aber auch viele Dinge des täglichen Bedarfs, die von Board zu Board gereicht wurden. Plötzlich tauchte neben uns ein kleines Boot auf, auf dem ein kleiner Junge mit mehreren Bananen saß und uns seine Mutter frisch gekochten Kaffee und andere Getränke anbot. Wir waren also auf einmal Teil des Geschehens und des Markttreibens, denn die Frau hatte sich wie ein Imbißstand auf die Versorgung der Touristen spezialisiert. Anja und ich waren von der Idee begeistert, um diese Uhrzeit einen Kaffee zu trinken, und kauften gleich noch eine Getränk für Cong. Nach diesem ersten Markttreiben besuchten wir eine Fabrik, in der Glasnudeln hergestellt wurde. Wieder durften wir Zeugen sein, wie das Leben in Vietnam abläuft. Auf dem zweiten Markt ging es dann etwas ruhiger zu. Dort waren die Frauen damit beschäftigt, kleinere Mengen an Gemüse, Obst und Reis zu vertreiben, um die kleineren lokalen Märkte bzw. Gemüsestände zu versorgen. Immernoch begeistert vom Kaffeebötchen, fragten wir Cong, ob er uns von einer Marktfrau ein paar Baby-Ananas als Frühstück organisieren könnte. Freundlich willigte er ein und schnitt uns unsere beiden Früchte dann auch gleich zurecht.

Der Vorteil von den kleinen Booten und den privaten Touren ist, dass wir auch in die Kanäle und damit ins wahre Mekongdelta eindringen konnten. Dort erwartete uns eine ganz andere Welt, als das Treiben auf dem breiten Fluss. Nach den Marktbesuchen bog Cong mit unserem Kahn ab und zeigte uns das Leben dort. Wir besuchten kleine Reisfelder, bestaunten wie üppig Mutter Natur bewachsen war, gingen durch die Siedlungen auf den von Kanälen umgebenen Inseln und konnte in die Häuser der dort lebenden Menschen schauen. Überall wurden wir freudig begrüßt und die Kinder der Bewohner winkten uns zu und präsentierten uns stolz ihr "Hello!" Bei den kleineren war es manchmal etwas schwieriger und Mama und Papa bzw Opa mussten ein wenig nachhelfen. Wir fragten uns, ob daher die Freundlichkeit von Euch Vietnamesen kommt, da ihr schon im Babyalter uns Touristen freundlich grüßt und manchmal durch Eure Eltern auch müsst. Egal, wir freuten uns, genossen die Aufmerksamkeit und winkten immer fröhlich zurück. Nach all diesen Erlebnissen und Begegnungen fuhren wir nach einem kurzen Mittagssnack zurück ins Hotel und bereiteten uns auf unsere Abfahrt vor.

Anja und ich entschieden, noch ein bisschen Zeit im Mekong Delta zu verbringen und wollten dafür My Tho und Ben Tre ansteuern. Wir hatten uns dazu ein Busticket organisiert. Die Menschen in Can Tho waren ganz stolz, dass wir mit ihrem neuen Service, der direkt bis nach Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt) verkehrt, fahren würden. Wir besprachen mit dem Busunternehmen, dass wir nur bis My Tho fahren würden, und buchten unser Ticket dementsprechend. Uns wurde versichert, dass dies kein Problem sei und der Busfahrer dies auch wüsste. Beim Beladen fragte ich explizit noch einmal nach, und unser Vorhaben wurde nochmals bestätigt. Nun könnt Ihr Euch sicherlich vorstellen, dass Anja und ich extrem frustiert und aufgebracht waren, als wir den Bus nach dreieinhalb Stunden Fahrt und einer komischen Pause verlassen musste, um festzustellen, dass wir doch nach Saigon gebracht wurden. Sowohl der Busfahrer und sein Begleiter wollten nicht auf unsere Fragen antworten, in welcher Stadt wir uns befänden. Unsere Vorahnung wurde bestätigt und wir waren ausser uns, da wir noch nicht nach Saigon wollten und unvorbereitet waren. Eine Fahrt mit einem lokalen Bus zurück nach My Tho hätte zusätzlich Geld gekostet, nochmal zwei Stunden gedauert und wäre in die verkehrte Richtung gewesen. Darauf hatten wir keine Lust, da es mittlerweile auch abends 19 Uhr war. Nach der anfänglichen Aufregung konnten wir uns allerdings gegenseitig beruhigen und die Situation analyisieren. Da wir bereits tolle Erlebnisse im Mekong-Delta an diesem Tag erfahren hatten und wir sowieso nach Saigon gewollt hätten, war es vielleicht ein Wink des Schicksals.

Jetzt sind wir also zwei Tage früher als geplant hier und kämpfen uns durch die Großstadt, was wir eigentlich noch ein bisschen vermeiden wollten. Allerdings haben wir das beste aus der Situation gemacht, ein kleines sauberes, günstiges, ruhiges und gemütliches Hotel gefunden und unseren Reiseplan angepasst. Jedoch werden wir unseren Freund Wiesi trotzdem erst am 10. in Hanoi treffen. ;-) Heute waren wir bereits unterwegs, werden aber darüber und die kommenden Tage erst beim nächsten Mal berichten.

Liebe Vietnamesen, wir danken nochmals für die tollen Erlebnisse der letzten Tage und freuen uns jetzt auf Saigon und unsere Weiterreise an der Küste Vietnams in Richtung Norden und nach Hanoi.

Beste Grüße

Anja und Patrice


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